Die Kriegerprinzessin Teil II


Dieser Durst wird langsam unerträglich. Sollte es nicht eine Klingel geben, die ich auch fixiert erreichen kann? Gibt es nicht so eine Vorschrift? Es ist schwierig, genügend Spucke zu sammeln, um den Mund anzufeuchten, dass ich schreien kann. Ich bin nicht so laut, wie ich es gerne wäre, aber ich schreie. „Ist da jemand? Hey! Hallo!“ Das Gebrüll hat mich erschöpft, aber keine Wirkung erzielt. Hier gibt es Kameras, sicherlich, irgendjemand will mich hier schmoren lassen. Ich versuche mich zu entspannen, meine Schultern und mein Nacken schmerzen. Annabelles dunkles Lachen klingt in meinem Kopf, ihr Tonfall ein wenig lehrerhaft, unverbindlich. Der Duft ihres Haares, süß und blumig … Ich blinzle, die Bilder verzerren sich, der blonde Schopf plötzlich rot gefärbt.
Du hast zugeschlagen, ohne dir zu überlegen, was passieren wird, und dann konntest du nicht mehr aufhören.

Und dann ist es immer wieder und wieder passiert … Dann sah sie aus wie ein rosa Ferkelchen.

Ich habe sie angemalt mit ihrem Blut, auch ich bin eine Künstlerin und weiß mit Farben umzugehen. Annabelle, das hast du verdient. Vertrauen muss man sich verdienen. Ihre Augen sind panisch und voller Todesangst, sie kennt mich, weiß, dass ich nicht aufhören kann. Du dachtest, ich verzeihe dir? Du dachtest du kannst ungestraft den Wunsch in mir wecken wie du zu sein? Wie du zu fühlen? Du büßt jetzt für alles in meinem Leben oben in der Absurdität des Normalen und tief unten in der Realität des Kellers. Du trägst das Büßerhemd und ich habe es dir angezogen.

Ja, Annabelle, wir führen die Therapie weiter – auf meine Weise.

Gut. Ich oute mich ja schon. Ich habe ein differenziertes Verhältnis zu meinen Mitmenschen. Deshalb lebe ich auch in einer geschlossenen Abteilung. In einer Einrichtung, die auf Menschen wie mich spezialisiert ist. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer ‘Menschen wie ich‘ sind. Verrückte, ganz klar. Therapierbar? Ja und nein. Ich bin es selbstverständlich nicht, denn mit mir ist alles in Ordnung. Ich bin beschädigte Ware, doch wer ist das nicht?

Die Tür wird entriegelt. Bei diesem Geräusch wird meine Gier nach Wasser stärker, ich bin konditioniert wie der Hund bei Pawlow.

Schtella, Schtella. Wieder wach?“ Das Pflegerlein tritt an meine Seite, legt seine Hand auf meinen nackten Arm und streicht mit den Fingerspitzen über die Haut. Er ist auf der Hut, hält Abstand zu mir. Könnte ich mich aus der Fixierung befreien, hätte er allen Grund, sich zu fürchten. Er fasst meine Brüste an, streicht fest über die Warzen. Obwohl ich es hasse, bewege ich mich nicht, starre ihn an, doch er ist zu sehr auf meinen Körper konzentriert.

Wie geil du bist, ich merke es doch.“

Wenn du mich losmachst, können wir unser Spiel spielen.“ Meine Stimme ist lockend. „Du darfst mir deinen Schwanz in den Mund schieben, das hätte ich jetzt gerne!“

Das Pflegerlein sieht mich prüfend an. „Nein, Schtella,ich kann dich nicht losmachen. Aber vielleicht sollte ich ein bisschen mit dir spielen, wo du dich nicht wehren kannst?“ Er streicht über meine Beine.

In meinem Kopf beginnt es zu rauschen. Die Wut quillt aus allen meinen Poren, und ich knirsche mit den Zähnen. Ich mag nicht angefasst werden, er sollte das wirklich wissen. Ich fasse ausschließlich ihn an.

Dann hält er mir einen Becher mit einem Strohhalm an die Lippen, und ich sauge gierig daran, was er mit einem verhangenen Blick beobachtet. „Dieses Mal hast du so richtig

Scheiße gebaut.“ Er sieht auf mich herunter. „So schnell kommst du hier nicht mehr raus. Warum hast du das nur getan?“

Ich habe es getan, weil ich es kann. Weil sie etwas in mir aufgeweckt hat, was besser verborgen geblieben wäre. Weil sie mich belogen hat. Weil sie mir Hoffnung gemacht hat. Für mich gibt es keine Hoffnung. Sie hat mir etwas genommen, und ich wollte ihr etwas nehmen. Annabelle hat mir meine Hoffnungslosigkeit genommen und mir Zuversicht gegeben. Jetzt sehne ich mich nach etwas, was ich niemals haben kann. Normalität gibt es nicht für mich. Vertrauen gibt es nicht für mich. Liebe gibt es nicht für mich.

Jeder Schlag und jede Träne hat mich stärker gemacht, brachte etwas in mir zum Klingen. Ein reiner und klarer Ton, wie ihn nur ein Musiker dem richtigen Instrument entlocken kann. Die Kriegerprinzessin als Musikerin, Annabelle das Instrument. Die Schreie, das Weinen, Betteln und Schluchzen die Musik. Ihr Körper schmiegte sich um meine Faust, als wäre er dafür geboren. Die Knochen in ihrem Gesicht brachen und formten eine neue Annabelle, eine bessere Annabelle, eine perfekte Annabelle. Ich spüre den Nachhall der Schläge und ein Ziehen zwischen meinen Beinen.

Doch das bleibt mein Geheimnis. Ich weiß, sie hat es überlebt, doch sie ist nicht mehr in der Lage, Menschen zu belügen. Sie ist keine Superheldin, sie ist einfach eine Schlampe und blutet so, wie jede Schlampe bluten sollte.

Ich reiße übertrieben die Augen auf. „Ich kann mich nicht erinnern. Was ist passiert? Was ist denn nur los? Warum bin ich hier?“ Theatralische Pause, geschlossene Augen…. „Oh! Habe ich sie umgebracht? Was habe ich nur getan!“ Dann beginne ich zu weinen.

Das Pflegerlein ist jetzt voller Mitleid. Nein, blablabla, sie hat überlebt, aber auch nur knapp … blablabla.

Auch das kann ich gut. Gut schlagen, gut treten. Eines ist mir klar: Hier bin ich nicht gut aufgehoben. Akuter Mangel an Therapeuten. Ich helfe mir lieber selbst. Ich werde diesen Ort verlassen und meinen Wirkungskreis erweitern. Der süße Pfleger beugt sich über mich und versucht, mich zu beruhigen. Ich bin jetzt so gekonnt aufgelöst, weine und schniefe. Er streichelt mir das Gesicht, meine Lippen. Ich denke kurz darüber nach, ihm seinen Finger abzubeißen, wenn ich die Gelegenheit bekomme, doch ich habe andere Pläne. Das Pflegerlein spielt darin eine nicht unerhebliche Rolle, doch brauche ich ihn unversehrt.

Was soll ich sagen? Das hier ist großes Kino, mit mir in der Hauptrolle.

Es hat sich so richtig angefühlt, so gut, so perfekt. Annabelle hat mir eine neue Stärke geschenkt und eine Möglichkeit zu verschwinden, mich aufzulösen im Blau, in den Wellen, im Meer.

Ich bin die Kriegerprinzessin, und ich werde die Welt mit roter Farbe füllen. Das Blau ist nur für mich.

©Alexandra Mazar

Die Kriegerprinzessin Teil I

Üppigkeit

Ich liebe! Ich liebe! … Über die Welt will ich rennen, sie 
umrunden mit einem Lauf und zurück zum Anfang, zurückkehren.
Ich bin nicht verrückt, doch scheine ich es zu sein.
Mein Wahn ist himmlisch und steckt an.
Sieh dich vor.
Alfonsina Storni (1892-1938)

 

Stella

Ob ich hier gut aufgehoben bin? Vorsichtig ziehe ich meinen Arm ein Stück nach oben, das hundertste Mal, seit sich mein Bewusstsein durch diesen grauen Medikamentennebel gekämpft hat. Zum hundertsten Mal fährt die Erkenntnis wie ein Stromschlag durch meinen Körper. Ich bin mit Manschetten an Händen und Füßen an dieses Bett fixiert. Ich kann mich nicht kratzen, nicht meine Position ändern, aber was noch viel schlimmer ist, ist dieser Durst. Mit trockener Zunge lecke ich über meine aufgesprungenen Lippen, stelle mir ein großes Glas kühlen Wassers vor. Das macht es nicht besser. Dann bewege ich den Kopf, betrachte das Zimmer, ein kleines Fenster, vergittert, der fade Wandanstrich möchte gar nichts Freundliches ausstrahlen, fünfzehn Quadratmeter voller übermalter Exkremente, Erbrochenem, angefüllt mit Todesangst und Schmerzen. Aber hey, das ist okay. Nur keine Gefühlsduseleien. Mir ist auch nicht nach rosaroten Gefühlen oder netten Worten. Mir ist nach etwas ganz anderem, Glitschigem, Warmen … Rotem. Am besten an meinen Händen und über den ganzen hässlichen Boden verteilt, und mittendrin ein Körper, leblos und verdreht. Ich bin wütend, eine Wut wie ein gefühlter Flächenbrand – schnell und heiß breitet er sich aus und beansprucht mein komplettes Denken und, wenn ich könnte wie ich wollte, auch mein Handeln. Die Frage, warum ich hier bin, stellt sich nicht, es war eine Verkettung unglücklicher Umstände, könnte man sagen. Eine Unbeherrschtheit meinerseits, dem Rauschen in meinem Kopf geschuldet. Dieses Rauschen. Es ist nicht allein der Ton: erst ein Summen, das zu einem ohrenbetäubenden Tosen anwächst. Wie ein Schwarm Heuschrecken, der sich durch meinen Kopf bewegt, jeden Winkel des Gehirns ausfüllt und frisst, mich frisst. Meine Reaktion? Eventuell etwas übertrieben, doch entschuldbar, wie ich finde. Du hattest nicht damit gerechnet, dass es sich so gut anfühlt.

Meine Härchen auf den Armen stellen sich auf. Nicht die Luft anhalten, ruhig weiteratmen. Ich will nicht abtauchen in diesen tiefen, eiskalten Brunnen, dessen ewige Dunkelheit mich verschlingt und Schuldgefühle wie deformierte, glitschige Monster nach oben würgt. So konzentriere ich mich auf meine Füße, erst den linken, dann den rechten und denke mich so an meinem Körper nach oben. Ich visualisiere, wie es Annabelle, meine Therapeutin, besser gesagt Ex-Therapeutin mir empfohlen hat. Visualisieren, Stella! Dann weißt du, womit du es zu tun hast und kannst daran arbeiten.“

Visualisieren … Ich drehe meine Handgelenke hin und her, die Manschetten sind etwas gepolstert, ich rüttle meine Hände und spüre erleichtert, dass das feste Material mein Fleisch aufreibt. Das Brennen bringt mich augenblicklich zu mir. Ich spüre mich, ich bin da, weit davon entfernt, zu verschwinden.

Annabelle, wäre stolz auf mich.

Annabelle, auf Rettungsmission unterwegs.

Annabelle, mit diesen riesigen, blauen Puppenaugen und den kleinen, roten, gespitzten Lippen, den gebleichten Zähnen und der großen Lücke zwischen den Schneidezähnen, was ihrem Aussehen etwas Laszives verleiht. Annabelle die Schlampe.

Ich kann ihr nicht vorwerfen, dass sie es nicht wirklich versucht hätte. Es ist nun mal nicht einfach mit mir. Das hat Papa schon immer gesagt, wenn ich nicht feucht genug für seine Zuwendungen war. Es ist nicht einfach mit mir. Punkt. Drauf geschissen.

Ich wollte wirklich nicht, dass es so weit kommt. Ich wollte nur … den Dreck hinter mir lassen, erzählen, eine Chance…

Liegt im steten Verrücktsein nicht auch Normalität?

Ich hatte Annabelles Praxis durch Zufall entdeckt, das Schild mit der verschnörkelten Schrift versteckte sich an einer mit Buchstaben besprühten Hauswand hinter einem wildwuchernden Rosenstrauch. Die roten, verwelkten Blüten hatten sich teilweise unter das Schild geschoben und gaben dem Namen Annabelle Sterne, Psychiaterin, einen tragischen Rahmen, der meine Neugierde weckte.

Ich traf eine Entscheidung, stand kurz darauf in der Praxis und vereinbarte eine Beratungsstunde.

Beim ersten Termin schwiegen wir beide, ich hatte mich in diesem riesigen Sessel wie eine Kugel zusammengerollt. Annabelle hatte eine Decke über mich gelegt und auf ihrem Stuhl Platz genommen. Ich entspannte mich langsam und sah mich im Zimmer um. An den Wänden hingen große, bunt bemalte Leinwände, die nicht erkennen ließen, was sich der Maler dabei gedacht hatte. Die leuchtenden Farben rot, gelb und orange flossen ineinander, als würden sie sich brauchen, um trotz ihrer Andersartigkeit zu einem Ganzen zu verschmelzen, eine Einheit zu bilden.

Zwei Gemälde zogen immer wieder meinen Blick auf sich. Sie hingen untereinander und zeigten das Meer in verschiedenen Farben. Annabelle beobachtete mich und sagte: „Gefallen dir die Bilder?“

Ich nickte langsam und zog die Wolldecke bis zum Kinn.

Warst du schon einmal am Meer?“ Annabelle deutete auf das obere Bild: „Was siehst du darauf?“

Eine stürmische See unter einem grünen Himmel mit gelben und roten Wolken.“

Sie nickte, doch nicht zufrieden. „Aber was siehst du? Was empfindest du? Welche Farbe zieht dich an?“

Wie gerne hätte ich Annabelle erzählt, dass ich das Meer rauschen hörte, dass das Brechen der Wellen mein Herz schneller schlagen ließ und die Farbe der Gischt, ein scheinbar leuchtendes Weiß, magisch schimmerte? Ich schwieg. Die Worte kämpften darum, gesprochen zu werden, doch ich konnte nicht.

In der Woche danach lag ein Buch auf dem Tisch. Annabelle deutete darauf: „Das ist für dich. Die Bilder, die dir so gefallen, sind von Emil Nolde, einem deutschen Maler. In diesem Buch findest du seine Meeresbilder.“

Danke“, krächzte ich. Meine Stimme kam mir unnatürlich laut vor. Ein Geschenk. Ich hatte noch nie ein Geschenk bekommen. Papa hat dir doch immer wieder etwas geschenkt, dort unten im Keller.

Was zieht dich so an? Was gefällt dir am Meer?“

Wenn ich in das Blau falle, löse ich mich auf, werde absorbiert. Das fühlt sich gut an.“

Ich kann nicht genau sagen, was ich an unseren Gesprächen so mochte, Frau Saubermann Annabelle avancierte zu einer Superheldin mit gestärkter weißer Bluse und hochgesteckten Haaren. Der Dreck und die Scheiße in meinem Inneren brodelten in mir hoch, und während ich schluckte und schluckte, um nicht daran zu ersticken, glitt sie an ihr ab wie Öl auf Metall. Sie war nicht verstört, redete mir zu, meine Gedanken wären normal, blablabla, ich könnte es schaffen, ein normales Leben zu führen, blablabla.

Es wäre nicht meine Schuld. Mein Fehler, ihr zu glauben, mein Fehler, mich nicht zu wehren, mein Fehler, zu vertrauen.

Dann ließ sie mich einweisen. In die Psychiatrie, die geschlossene Abteilung. Ich wehrte mich nicht, als sich die Türe öffnete und die vielen Menschen kamen, um mich mitzunehmen. Ich weiß, wann ich verloren habe. Dann heißt es die Beine breitmachen, um gefickt zu werden, und es ist egal, in welches Loch. Annabelle die Verräterin. Dicke Tränen liefen über ihre Puppenwangen: „Es tut mir leid Stella, es ist zu deiner Sicherheit, Stella. Ich werde die Therapie mit dir weiterführen, Stella. Wir sehen uns, Stella. Ich verspreche es dir!Dieses Versprechen hat sie gehalten, sie kam in die Klinik, um die Therapie weiterzuführen. Kaum waren wir allein, fiel ich über sie her. Ich versetzte ihr einen Schlag mit der Faust ins Gesicht, und dann veränderte ich seine Struktur, verschob Knochen und zermalmte Knorpel, verlor dabei jedes Zeitgefühl. „So fühlt es sich an, Annabelle, wenn ich enttäuscht bin. So ist sie, meine Welt. Es gibt keinen Ausweg, keine Fluchtmöglichkeit.“

Dann wurde ich aufgehalten, von ihr weggerissen und dann … Schwärze.

Dieser Durst wird langsam unerträglich. Sollte es nicht eine Klingel geben, die ich auch fixiert erreichen kann? Gibt es nicht so eine Vorschrift? Es ist schwierig, genügend Spucke zu sammeln, um den Mund anzufeuchten, dass ich schreien kann. Ich bin nicht so laut, wie ich es gerne wäre, aber ich schreie. „Ist da jemand? Hey! Hallo!“ Das Gebrüll hat mich erschöpft, aber keine Wirkung erzielt. Hier gibt es Kameras, sicherlich, irgendjemand will mich hier schmoren lassen. Ich versuche mich zu entspannen, meine Schultern und mein Nacken schmerzen. Annabelles dunkles Lachen klingt in meinem Kopf, ihr Tonfall ein wenig lehrerhaft, unverbindlich. Der Duft ihres Haares, süß und blumig … Ich blinzle, die Bilder verzerren sich, der blonde Schopf plötzlich rot gefärbt. Du hast zugeschlagen, ohne dir zu überlegen, was passieren wird, und dann konntest du nicht mehr aufhören.

Und dann ist es immer wieder und wieder passiert … Dann sah sie aus wie ein rosa Ferkelchen.

Ich habe sie angemalt mit ihrem Blut, auch ich bin eine Künstlerin und weiß mit Farben umzugehen. Annabelle, das hast du verdient. Vertrauen muss man sich verdienen. Ihre Augen sind panisch und voller Todesangst, sie kennt mich, weiß, dass ich nicht aufhören kann. Du dachtest, ich verzeihe dir? Du dachtest du kannst ungestraft den Wunsch in mir wecken wie du zu sein? Wie du zu fühlen? Du büßt jetzt für alles in meinem Leben oben in der Absurdität des Normalen und tief unten in der Realität des Kellers. Du trägst das Büßerhemd und ich habe es dir angezogen.

Ja, Annabelle, wir führen die Therapie weiter – auf meine Weise.

Gut. Ich oute mich ja schon. Ich habe ein differenziertes Verhältnis zu meinen Mitmenschen. Deshalb lebe ich auch in einer geschlossenen Abteilung. In einer Einrichtung, die auf Menschen wie mich spezialisiert ist. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, wer ‘Menschen wie ich‘ sind. Verrückte, ganz klar. Therapierbar? Ja und nein. Ich bin es selbstverständlich nicht, denn mit mir ist alles in Ordnung. Ich bin beschädigte Ware, doch wer ist das nicht?

Die Tür wird entriegelt. Bei diesem Geräusch wird meine Gier nach Wasser stärker, ich bin konditioniert wie der Hund bei Pawlow.

Schtella, Schtella. Wieder wach?“ Das Pflegerlein tritt an meine Seite, legt seine Hand auf meinen nackten Arm und streicht mit den Fingerspitzen über die Haut. Er ist auf der Hut, hält Abstand zu mir. Könnte ich mich aus der Fixierung befreien, hätte er allen Grund, sich zu fürchten. Er fasst meine Brüste an, streicht fest über die Warzen. Obwohl ich es hasse, bewege ich mich nicht, starre ihn an, doch er ist zu sehr auf meinen Körper konzentriert.

Wie geil du bist, ich merke es doch.“

Wenn du mich losmachst, können wir unser Spiel spielen.“ Meine Stimme ist lockend. „Du darfst mir deinen Schwanz in den Mund schieben, das hätte ich jetzt gerne!“

Das Pflegerlein sieht mich prüfend an. „Nein, Schtella,ich kann dich nicht losmachen. Aber vielleicht sollte ich ein bisschen mit dir spielen, wo du dich nicht wehren kannst?“ Er streicht über meine Beine.

In meinem Kopf beginnt es zu rauschen. Die Wut quillt aus allen meinen Poren, und ich knirsche mit den Zähnen. Ich mag nicht angefasst werden, er sollte das wirklich wissen. Ich fasse ausschließlich ihn an.

Dann hält er mir einen Becher mit einem Strohhalm an die Lippen, und ich sauge gierig daran, was er mit einem verhangenen Blick beobachtet. „Dieses Mal hast du so richtig

Scheiße gebaut.“ Er sieht auf mich herunter. „So schnell kommst du hier nicht mehr raus. Warum hast du das nur getan?“

Ich habe es getan, weil ich es kann. Weil sie etwas in mir aufgeweckt hat, was besser verborgen geblieben wäre. Weil sie mich belogen hat. Weil sie mir Hoffnung gemacht hat. Für mich gibt es keine Hoffnung. Sie hat mir etwas genommen, und ich wollte ihr etwas nehmen. Annabelle hat mir meine Hoffnungslosigkeit genommen und mir Zuversicht gegeben. Jetzt sehne ich mich nach etwas, was ich niemals haben kann. Normalität gibt es nicht für mich. Vertrauen gibt es nicht für mich. Liebe gibt es nicht für mich.

Jeder Schlag und jede Träne hat mich stärker gemacht, brachte etwas in mir zum Klingen. Ein reiner und klarer Ton, wie ihn nur ein Musiker dem richtigen Instrument entlocken kann. Die Kriegerprinzessin als Musikerin, Annabelle das Instrument. Die Schreie, das Weinen, Betteln und Schluchzen die Musik. Ihr Körper schmiegte sich um meine Faust, als wäre er dafür geboren. Die Knochen in ihrem Gesicht brachen und formten eine neue Annabelle, eine bessere Annabelle, eine perfekte Annabelle. Ich spüre den Nachhall der Schläge und ein Ziehen zwischen meinen Beinen.

Doch das bleibt mein Geheimnis. Ich weiß, sie hat es überlebt, doch sie ist nicht mehr in der Lage, Menschen zu belügen. Sie ist keine Superheldin, sie ist einfach eine Schlampe und blutet so, wie jede Schlampe bluten sollte.

Ich reiße übertrieben die Augen auf. „Ich kann mich nicht erinnern. Was ist passiert? Was ist denn nur los? Warum bin ich hier?“ Theatralische Pause, geschlossene Augen…. „Oh! Habe ich sie umgebracht? Was habe ich nur getan!“ Dann beginne ich zu weinen.

Das Pflegerlein ist jetzt voller Mitleid. Nein, blablabla, sie hat überlebt, aber auch nur knapp … blablabla.

Auch das kann ich gut. Gut schlagen, gut treten. Eines ist mir klar: Hier bin ich nicht gut aufgehoben. Akuter Mangel an Therapeuten. Ich helfe mir lieber selbst. Ich werde diesen Ort verlassen und meinen Wirkungskreis erweitern. Der süße Pfleger beugt sich über mich und versucht, mich zu beruhigen. Ich bin jetzt so gekonnt aufgelöst, weine und schniefe. Er streichelt mir das Gesicht, meine Lippen. Ich denke kurz darüber nach, ihm seinen Finger abzubeißen, wenn ich die Gelegenheit bekomme, doch ich habe andere Pläne. Das Pflegerlein spielt darin eine nicht unerhebliche Rolle, doch brauche ich ihn unversehrt.

Was soll ich sagen? Das hier ist großes Kino, mit mir in der Hauptrolle.

Es hat sich so richtig angefühlt, so gut, so perfekt. Annabelle hat mir eine neue Stärke geschenkt und eine Möglichkeit zu verschwinden, mich aufzulösen im Blau, in den Wellen, im Meer.

Ich bin die Kriegerprinzessin, und ich werde die Welt mit roter Farbe füllen. Das Blau ist nur für mich.

©Alexandra Mazar

Lektorat Claire Bué

 

 

Shakespeare und Söhnchen und weshalb das so gut zusammenpasst

Als Mutter und Autorin, oder auch andersherum, lege ich ­––großen Wert auf eine umfassende schulübergreifende Bildung meiner Kinder. Das beinhaltet sowohl die Heranführung an die gehobene Literatur, also alles, was über »Gregs Tagebuch« und andere Comic-Romane hinausgeht, als auch der ein oder andere Besuch im Museum, Theater oder einer Ausstellung. Ich möchte Töchterchen und Söhnchen die Kunst näherbringen, die Liebe dazu quasi einpflanzen, und das ist mir auch gelungen.

Gelungen im Sinne von »nicht immer, aber meistens oder zumindest doch ab und zu.«

Die Bretter, die die Welt bedeuten, mögen betreten werden und wir reisten fortan durch die Welt der modernen Inszenierungen, bis ans Ende unserer Tage … Dürrenmatts »Die Physiker« wurden klaglos von Söhnchen hingenommen, ich sah sogar dann und wann ein Lächeln sein Gesicht erhellen, und da wusste ich es: Dieser Ausdruck reiner Freude möchte öfter zum Vorschein kommen.

Ich bin schließlich Mutter, kann die Vorlieben meiner Kinder erspüren, da muss nicht wirklich darüber gesprochen werden, es ist reine Intuition. Goethes »Die Leiden des jungen Werthers« begeisterte Söhnchen besonders, warf ein gut angezogener Werther doch »Werther’s Echte«-Bonbons in das Publikum und Söhnchen bewegte sich blitzschnell und sicherte sich einen Vorrat Süßigkeiten für die gesamte Dauer des Stückes.

Kafkas »Verwandlung« stand ebenso auf dem Plan wie »Endstation Sehnsucht«. Tennessee Williams Stück ließ das Publikum einen wirklich langen Blick auf nackte Brüste werfen, die für Menschen mit Sehproblemen auf einer Leinwand stark vergrößert wurden, und Söhnchen meinte danach, das wäre das Verstörendste gewesen, was er jemals gesehen habe. Ein kleiner Rückschritt, ein Wehrmutstropfen. Neues Stück, neues Glück, heißt es da. Was liegt näher, dem sechzehnjährigen Söhnchen, der eine neue Sprache basierend auf Grunzlauten entwickelt hat, Shakespeare vorzustellen? Ich referierte über die Liebe, beschwor die Romantik als das Gefühl überhaupt und Romeo und Julia als das ultimative Liebespaar. Söhnchen war interessiert, die Premiere lockte und wir saßen in der ersten Reihe.

Was soll ich sagen: Söhnchen war begeistert, ob das an der Zombieeinlage und dem folgenden blutigen Festmahl der sehr modernen Inszenierung lag oder an einer schönen Julia oder an Shakespeares Worten, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Doch seine Augen blitzten und die Balkonszene, mittelleicht abgewandelt, war romantisch, und als Julia auf der Bühne von Schmerz gebeutelt zusammenbrach, tat sie das direkt vor Söhnchen und warf ihm, ganz Julia, einen langen Blick zu.

Alles richtig gemacht! Ich bin vielleicht nicht Mutter des Jahres, aber auf dem Weg dorthin! Kunst und Jugend, das passt doch prima, da braucht mir niemand etwas anderes erzählen.

©Alexandra Mazar

Bei dem Foto handelt es sich um eine Aufführung: Romeo und Julia, am Schauspiel Frankfurt.
Mit freundlicher Genehmigung.

Stille Tage

„Es sind die stillen Tage, die mich zum Rufen bringen, dann und wann vielleicht zum Schreien.

Es sind die glücklichen Stunden, die mich zum Weinen bringen, zweifeln lassen an meinem Sein.

Es sind die ruhigen Nächte, die ich schlaflos bin, herzklopfend auf der Suche nach Vergebung.

Es sind die Antworten auf meine Fragen, die meine Orientierung stören, meinen Sinn.

Es ist das Finden auf die Suche, den Antrieb jeden Tag, den Weg zu lassen, so steinig er auch sein mag.

Das alles ist es, was mich ausfüllt, ich denke vieles noch, ich greife in die Trauer, Freude und sage mir,

ich lebe…..doch.“

 

©Alexandra Mazar

 

Drama des Jahres 2017

Radioplanet Berlin ist das Radio der Künstler und vergibt jährlich Auszeichnungen in verschiedenen Kategorien.

Es war sehr spannend und emotional mit meinem Herzensbuch und Debüt dabei zu sein.

Von Runde zu Runde wurden die Nominierten weniger und als ich hörte, dass mein  Roman „Die Farben des Verzeihens“ den ersten Platz in der Kategorie „Drama des Jahres“ belegt hat, was soll ich sagen, das war schon ein ganz besonders Gefühl.

 

Nochmal ein riesiges Dankeschön an alle die für mich gevotet haben.

 

Grund zur Freude

Söhnchens spezieller Thrill

Das Leben ist ein Entwicklungsroman

und/oder ein Thriller, das Leben allgemein. Meines im Besonderen. Jetzt mag der geneigte Leser anmerken, dass ich mich in einer komfortablen Situation befinde, da ich schreibend in beide unterschiedlichen Genre eintauchen kann und diese Annahme ist richtig. Alles könnte so entspannt sein, wären da nicht die Mitbewohner. Mehr oder weniger liebevoll auch Störenfriede oder Monster genannt.

Purer Thrill

Ich beobachte Söhnchen, der morgens an seinem Brötchen kauend mit nachdenklichem Blick aus dem Fenster starrt. Aus mir unerfindlichen Gründen stellen sich die Haare an meinen Armen auf und ein Schauer läuft über meinen Rücken. Irgendetwas braut sich da zusammen und ich werfe instinktiv den Blick zur Tür, die Entfernung und Zeit abschätzend die ich bräuchte um zu verschwinden. Keine Chance, Söhnchen wendet sich mir zu, nimmt noch einen großen Bissen bevor er mich fragt, wie es sich denn so in zwei Welten leben würde als Schriftstellerin. Ich staune und bin beeindruckt, weiß ich doch, dass in der Pubertät besonders der orbitofrontale Cortex bei der männlichen Gattung pubertierender Monster weniger durchblutet wird. Diese nicht unwichtige und gefühlsmäßig undurchblutete, wahrscheinlich sogar blutleere Region des Gehirns, ist für die Gefühlswelt und angemessenes soziales Verhalten zuständig. Ich beobachte abwartend meinen kauenden Sprössling. „Ich meine ja nur“, er nimmt einen Schluck Tee, „wenn du schon über Tote schreibst, also über das Umbringen, fühlst du das dann so richtig?“ Meine schlagfertige Antwort formt sich aus meinem Mund als „Ähm“ und lässt meinen Sohn nur kurz innehalten. „Ja, ich weiß was du sagen willst, Mutter, schon gut. Aber sag mal, wen willst du denn umbringen?“ Er zwinkert mir zu. „Du kannst es mir ruhig sagen, in der Familie hält man ja zusammen. Ich hätte das Buch ja gerne gelesen, doch ich darf ja nicht. Aber echt, spritzt das Blut? Wen stellst du dir dann vor? Papa, wenn er dich nervt?“

Leichter Schwindel steigt in mir auf

und ich ziehe den Stuhl in meine Richtung. Mir war nicht klar, dass meine Thrillerschreiberei solche Gedanken lostreten können. Gewalt als lösungsorientierter Ansatz? Mord und Todschlag als Gesprächsgrundlage morgendlicher Frühstückszusammenkünfte? Welche Auswirkungen mag das auf Söhnchens Zukunft haben? Seine Laune scheint heute außerordentlich sonnig zu sein, das komplette Gehirn augenscheinlich stark durchblutet. Ein Sinnbild tadelloser Kommunikation. Er wirft einen gelangweilten Blick auf die Uhr, stöhnt „Ich bin spät dran!“, und schlendert an mir vorbei. „Bist schon cool Mutter!“

Roadkill
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Auf mein schnelles Nachfragen, ein Kompliment vom eigenen Kind ist so selten wie eine Oase in der Wüste Gobi, bekomme ich nur ein Grunzen, die Haustüre öffnet und schließt sich, und ich bleibe zurück. Ich greife nach meiner Kaffeetasse und nehme einen großen Schluck. Also hat das Schreiben von Thrillern auch sein Gutes, denke ich. Es macht cool und scheint direkt die Durchblutung des Cortex der pubertierenden Verwandtschaft anzuregen. Dann bleibe ich halt dabei.

©Alexandra Mazar

 

 

Das Lächeln ist des Morgens Last

Meine Familie nennt mich „Der Morgenmuffel“.

Diese Bezeichnung mag mir vielleicht nicht gefallen, schmeichelt sie nicht wirklich meinem Charakter, allerdings kann ich dem Wahrheitsgehalt schwerlich widersprechen. Es ist nicht sinnvoll mich morgens anzusprechen, wenn man einen vollständigen Satz Antwort erwartet. Nach der ersten Tasse Kaffee, übernimmt das Über-Ich langsam das Steuer und sperrt das miesepetrige Es zurück in die Tiefen meiner morgendlichen Unlust.

Mit Bewunderung identifiziere ich den Lärm im Badezimmer als Gesang und das Geschrei aus dem Kinderzimmer als Gelächter. Es gibt sie, die glücklichen Menschen, die morgens die Augen öffnen und dem Tag mit Freude entgegeneilen. Ich lebe mit dieser Spezies unter einem Dach. Geballte Fröhlichkeit versus konzentrierter Übellaunigkeit. Der Stoff aus dem Thriller gemacht werden, jeden Morgen aufs Neue.

Das werde ich ändern. Ich bin schließlich Herr meines Willens, eine Tatsache, die mir den Erfolg garantiert. Recherchen zu diesem Thema haben mich zu folgendem Ergebnis geführt: Mindestens 60 Sekunden den Mund zu einem breiten Lächeln verziehen. Es werden dadurch Muskeln stimuliert, die dem Gehirn vorspielen, glücklich zu sein, wobei sich dann die gute Laune von ganz alleine einstellt.

Das erscheint mir nicht nur plausibel, sondern auch einfach umsetzbar, und ich beschließe diesen Tag zum Ersten meines zukünftig fröhlichen Seins zu ernennen.

Schnell wird mir klar, dass die Schwierigkeit darin besteht 60 Sekunden durchzuhalten. Als chronischer „Ungern-Dauerlächler“ scheint eine Minute endlos und damit nicht erreichbar. Die gestreifte Grinsekatze aus Alice im Wunderland kommt mir in den Sinn, eine der Figuren des Romans, die mir besonders unsympathisch sind.

Ich habe nicht vor aufzugeben und nutze den Tag, um mich im Lächeln zu üben. Abends ergebe ich mich erschöpft und mit schmerzendem Gesicht dem Schlaf.

Der nächste Morgen lässt sich nicht aufhalten, ich öffne die Augen, mein Blick fällt auf einen Zettel, der krakeligen Schrift nach geschrieben von der jungen Spezies glücklicher Mitbewohner.

„Bitte hör auf ständig zu grinsen, du bist gruselig. Bleib so wie du bist. Wir haben dich lieb. Kaffee steht in der Küche.“

Irgendwie ist die Grinsekatze doch ganz nett denke ich, und mein Mund verzieht sich von ganz allein.

©Alexandra Mazar